Zeit + Stammzellen = Leben retten
Joshua arbeitet seit 2011 beim Deutschen Ärzteverlag. Er hat hier die Ausbildung zum Medienkaufmann absolviert und arbeitet seitdem im Rechnungswesen des Verlags. Heute betreut er die Anlagenbuchhaltung und ist für die Systeme und Projekte vom Team Rechnungswesen (REWE) zuständig. Der Zahlenmensch ist mit einer Ärztin verheiratet und hat kürzlich selbst einer schwerkranken Person geholfen: mit einer Stammzellen-Spende, von der DKMS organisiert. Hier erzählt Joshua, wie er den Prozess rund um die Stammzellen-Spende erlebt hat.

Was hast Du gedacht, als der Anruf der DKMS kam?
„Es kam tatsächlich gar kein Anruf, sondern eine E-Mail und am selben Tag auch ein Brief – beide mit dem Inhalt, dass es womöglich einen Empfänger gibt, zu dem mein genetisches Profil passt, und dass ich mich bitte so schnell wie möglich melden soll. Man wird also nicht direkt per Anruf überfallen, sondern hat Zeit, sich vor dem ersten Gespräch zu sammeln und seine eigenen Gedanken zu sortieren. Ich bin da eher der pragmatische Typ und dachte einfach: ‚Wenn ich helfen kann, dann helfe ich.‘, und habe sofort angerufen. Als jemand, dessen Familie schon mehrfach mit Krebserkrankungen zu tun hatte, habe ich hier keinen Moment gezögert.“
Wie war das erste Gespräch?
„Das erste Gespräch war, wie der gesamte Prozess auch: professionell, empathisch und sehr freundlich. Es wird in Ruhe die Faktenlage erklärt. Wenn man sich dann – so wie ich – grundsätzlich zu einer Spende bereiterklärt, wird dann das das weitere Vorgehen erläutert.“
Und wie sieht das weitere Vorgehen dann konkret aus?
„Zuerst muss ermittelt werden, ob Empfänger und Spender wirklich genetisch zusammenpassen. Dazu wurde mir ein Blutentnahme-Set geschickt mit der Bitte, mir beim Hausarzt oder durch geschultes Personal Blut abnehmen zu lassen. Da meine Frau Ärztin ist, haben wir das bei uns daheim am Esstisch gemacht. Da hatte ich also einen kleinen Heimvorteil.
Das Blut wurde dann an zwei Laboratorien zur weiteren Untersuchung geschickt. Gleichzeitig musste ich online einen sehr ausführlichen Gesundheitsfragebogen ausfüllen.
Etwa zehn Tage später kam dann ein weiterer Anruf von der DKMS mit der guten Nachricht, dass der Empfänger und ich tatsächlich genetisch übereinstimmen und die Spende somit stattfinden kann. Dann hieß es, passende Termine zu finden für die Voruntersuchung und die Spende. Beide Termine finden in einem der über ganz Deutschland verstreut liegenden Entnahmezentren der DKMS statt.
In meinem Fall war das Zentrum rund 5 Stunden von meinem Wohnort entfernt. Um Anreise und alles andere hat sich allerdings komplett die DKMS gekümmert. Schon zwei Tage nach dem Anruf hatte ich Zugtickets und Hotelbuchung im Postfach. Nach dem Termin zur Voruntersuchung wurde der Termin zur Spende festgelegt, wobei dieser hauptsächlich vom Gesundheitszustand des Empfängers abhängig ist und sich daher immer noch kurzfristig ändern kann.“
Wie war die Voruntersuchung?
„Wirklich interessant, weil man einmal komplett auf den Kopf gestellt wird. Vom Urintest über Blutdruckmessen, Abhören der Atemwege und einem kompletten Ultraschall des Oberkörpers war alles dabei. Außerdem wurde nochmal Blut abgenommen und ein komplettes Blutbild mit allen Werten erstellt. Die Untersuchungsergebnisse hat man mir sehr ausführlich erklärt. Das war dann auch für mich echt ein Benefit, weil: Wann wird man schon mal so von Kopf bis Fuß durchgecheckt?! Danach wurde ich dann noch über den Spende-Prozess, den konkreten Ablauf und die vorher notwendige Spritzentherapie aufgeklärt. Die Ergebnisse der Voruntersuchung waren alle in Ordnung, so dass ich final zur Spende zugelassen wurde. Die Voruntersuchung hat übrigens in den gleichen Räumlichkeiten stattgefunden wie die spätere Spende, sodass man sich schon mal auf alles einstellen konnte.“
Du sprichst von ‚Spritzentherapie‘. Das klingt schmerzhaft. Was hat es damit auf sich?
„Man muss vier Tage vor der Spende mit einer Spritzentherapie beginnen. Aber keine Angst, die Spritzen sind wirklich sehr klein und tun nicht weh. Die Spritzen muss man sich jeweils morgens und abends ins Bauchfett applizieren. Sie regen die Produktion von Stammzellen im Körper an und sorgen dafür, dass die Stammzellen vom Körper ins Blut abgeben werden. Die Spritzen können zu Nebenwirkungen wie Kopf- und Gliederschmerzen führen. Ich hatte zum Glück während der Spritzenphase nur zeitweise leichte Kopfschmerzen.“
Und wie lief dann die Spende ab? Dafür ist doch eine kleine OP notwendig, oder?
„Nein! Das war früher so, dass in Narkose die Stammzellen per Knochenmarkentnahme entnommen wurden. Diese Methode wird heutzutage aber nur noch in zehn Prozent der Fälle angewendet. In meinem Fall wurden die Stammzellen durch sogenannte Apherese entnommen. Dies ist mittlerweile die Standardmethode.
Die Spende lief dann folgendermaßen ab: Nach einem reichhaltigen Frühstück bin ich ins Entnahmezentrum gegangen und wurde dort wieder sehr freundlich empfangen. Nachdem nochmal Blutdruck und Temperatur genommen wurden, folgte ein letztes Arztgespräch. Danach begann dann die Spende.
Hierfür legte ich mich in ein normales Krankenhausbett und bekam am linken Arm einen Zugang gelegt, ähnlich wie bei der Blutspende. Über diesen Zugang lief das Blut dann in den sogenannten Zellseparator. Dies ist ein Gerät, etwa so groß wie eine Kommode, in dem die Stammzellen vom restlichen Blut getrennt werden. Die Stammzellen werden in einem Beutel gesammelt, bei dem man auch immer schön zuschauen kann wie er sich füllt. Das restliche Blut fließt dann über einen zweiten Zugang am rechten Arm wieder zurück in den Körper. Anders als etwa bei der Blutspende verliert man hier also kein Blut, sondern es werden lediglich die übermäßigen, durch die Spritzentherapie produzierten Stammzellen rausgefiltert.
Die Spende dauerte rund fünf Stunden. In diesem Zeitraum liegt man die ganze Zeit im Bett und darf den Arm, an dem das Blut entnommen wird, nicht bewegen. Der andere Arm ist aber zumindest so mobil, dass man das Smartphone bedienen kann. Es wird also nicht allzu langweilig. Schmerzen hatte ich keine während der Spende.“
Und nach den fünf Stunden konntest Du dann einfach gehen?
„Fast. Erstmals gab es noch ein leckeres Mittagessen. Und ich musste noch etwa zwei Stunden warten, in denen die Spende ausführlich analysiert wurde. Insbesondere musste die Frage geklärt werden, ob ich genug Zellen gespendet hatte. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte ich am nächsten Tag erneut spenden müssen. Glücklicherweise kam die Analyse jedoch zu dem Ergebnis, dass ich fast dreimal so viel gespendet hatte wie benötigt. Das war besonders erfreulich, da die überzähligen Zellen dann für einen möglicherweise später eintretenden Bedarf eingefroren und dann verwendet werden können, falls der Patient eine weitere Spende benötigt.“
Wie ging es Dir nach der Spende? Hattest Du Beschwerden?
„Nein, nach der Spende war ich den Rest des Tages etwas müde, weitere Einschränkungen habe ich nicht gespürt. Auch die nächsten Tage habe ich mich komplett normal gefühlt. Nach nur einem Tag Pause habe ich direkt wieder Sport gemacht.“
Das hört sich ja alles wirklich unkompliziert an.
„Ja definitiv, außer Zeit muss man wirklich nichts investieren. Und bis auf die Nebenwirkungen durch die Spritzen hat man auch keine körperlichen Beschwerden.
Man kann hier als Spender also wirklich mit kleinem persönlichem Einsatz Großes bewirken und im besten Fall einem Menschen das Leben retten.“
Wer ist denn eigentlich der Mensch, dem die Spende nun zugutekommt?
„Das weiß ich bisher nicht. In Deutschland ist es so geregelt, dass sich Spender und Empfänger frühestens zwei Jahre nach der Spende persönlich kennenlernen dürfen. Allerdings durfte die DKMS mir nach der Spende sagen, dass diese an ‚eine Frau über 30 Jahre in Deutschland‘ gegangen ist. In drei Monaten und ein weiteres Mal in einem Jahr wird die DKMS bei der behandelnden Klinik den Gesundheitsstatus der Empfängerin abfragen, so dass ich hier auf dem Laufenden gehalten werde. Allerdings, da möchte ich auch ehrlich sein, kann es natürlich sein, dass die Spende vom Körper der Empfängerin nicht angenommen wird, und man keine guten Nachrichten zurückerhält. Aber zunächst überwiegen bei mir natürlich Hoffnung und Optimismus!“
Zum Abschluss noch eine Frage zu den Kosten: Unter anderem musstest Du ja insgesamt drei Tage freinehmen für die Spende. Unterstützt die DKMS hier auch?
„Ja, da war ich total erstaunt. Die DKMS übernimmt komplett die Fahrt-, Hotel-, und Verpflegungskosten. Hier muss man persönlich keinen Cent zuzahlen. Es darf sogar eine Begleitperson zur Spende mitkommen, für die auch alle Kosten bis auf die Verpflegung übernommen werden.
Außerdem würde die DKMS dem Arbeitgeber auch den Verdienstausfall für die Freistellung ersetzen. Der Deutsche Ärzteverlag hat sich allerdings dazu entschieden, diese Zahlung nicht anzunehmen und die Summe stattdessen an die DKMS zu spenden. Dafür nochmal vielen Dank!“














